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16. März 2008

50 Jahre Fokolar-Bewegung in Deutschland
Gesine Schwan

"Dialogisch leben: Gesellschaft und Geschwisterlichkeit"
Rede anlässlich 50 Jahre Fokolarbewegung

Ihre Einladung, anlässlich des 50. Jahrestages der Gründung ihrer Fokolarbewegung zu sprechen, bedeutet für mich eine große Überraschung, Freude und Ehre. In der genannten Reihenfolge möchte ich das kurz erläutern.

Überraschung, weil ich gestehen muss, dass ich vor Ihrer Einladung mit Ihrer Bewegung nicht vertraut war. Ich hatte davon gehört, die Personen, die mir diese Einladung zunächst informell persönlich antrugen, hatten meinen Respekt und mein Vertrauen, so dass ich kaum "nein" sagen konnte, aber genau wusste ich nicht, worauf ich mich da einlassen sollte. In meinem Alter kann man, so hoffe ich, auch entscheidende Bildungslücken eingestehen.

Als ich dann Genaueres über Sie erfuhr und mir erlas, war meine Freude groß, weil ich den Geist Ihrer Bewegung hoch achte, weil ich lernen konnte, mit welchem überzeugenden Erfolg Ihre Gründerin Chiara Lubich ihren Glauben und ihre Spiritualität über Jahrzehnte hinweg in ihre Werke hat fließen lassen und wie dieser Geist international Geschwister dazu inspiriert und aufgerufen hat, sich an der Ausbreitung dieser Werke mit großem Geschick zu beteiligen. Meine Freude rührte auch daher, dass mir Ihre Ziele sehr nahe sind und mich diese Übereinstimmung in meinem eigenen Denken und Glauben bestärkt hat.

Eine Ehre schließlich bedeutet mir Ihre Einladung, weil Sie in den Jahrzehnten Ihres Bestehens sehr viel erreicht haben und weil es mir infolgedessen eine große Ehre bedeutet, dass Sie mich aus Anlass Ihres großen Geburtstages hören möchten.

Das Thema, dass Sie mir zur Erörterung nahe gelegt haben, klingt für ein sozialwissenschaftlich trainiertes Ohr zunächst befremdlich. Wir sind gewohnt Gesellschaft und Gemeinschaft einander gegenüberzustellen oder Gesellschaft mit Wirtschaft, Recht oder Arbeit zu kontrastieren. "Geschwisterlichkeit" klingt dagegen in diesem Kontext wie ein Fremdkörper, und das haben Sie wohl auch so gewollt. Denn das Besondere ihrer Bewegung liegt ja gerade darin, scheinbare Gegensätze oder Unvereinbarkeiten wie Glauben und Wissen, Spiritualität und Realitätssinn, Himmel und Erde (ich habe nicht gesagt Hölle!) zusammen zu bringen. Aber geht das?

Das Wort Geschwisterlichkeit wirkt zunächst künstlich. Wir sprechen im normalen Leben von unseren Geschwistern, aber das Abstraktum "Geschwisterlichkeit" verwenden wir erst, seitdem Feministinnen uns sensibilisiert haben für die durchweg männliche Ausrichtung unserer Sprache, die mehr auf unsere Einstellungen einwirkt, als wir uns das zunächst wohl bewusst gemacht haben. Also sagen wir - insbesondere im Raum der Kirche - nicht mehr einfach Brüderlichkeit, sondern beziehen unsere Schwestern und uns Frauen selbst mit dem Wort Geschwisterlichkeit ausdrücklich ein. Aber über diese kleine Erinnerung an feministische Aufklärung hinaus ist der Begriff "Geschwisterlichkeit" überdies einer Sphäre entlehnt - nämlich der privat familiären -, die der öffentlichen, professionellen, auf Rollen zugeschnittenen Gesellschaft entgegensteht, also nicht einfach mit einem "und" verbunden werden kann. Deshalb möchte ich zunächst einige Hindernisse anschauen, die es uns verwehren oder zumindest schwer machen, die beiden Begriffe ohne weiteres in eine Festredensynthese zu bringen, die wir "getrost nach Hause tragen" könnten.

Was verbinden wir mit "Geschwisterlichkeit"? Zunächst gefühlsmäßig vielleicht gar nicht nur Gutes: Unter Geschwistern gibt es gewöhnlich allerlei Zank, zunächst in der Kindheit und später vor allem wenn es ans Erben geht. Wir spielen miteinander nicht immer nur freundlich harmlos chinesisch Tischtennis. Unter Geschwistern gibt es viel Konkurrenz. Auch der ältere Bruder des "verlorenen Sohnes" war nicht begeistert über den liebevollen Empfang, den der Vater seinem verlorenen Sohn bei dessen Rückkehr bereitet. Ausweislich vieler Kriminalstatistiken geschieht die meiste Gewalt in Familien. Da sind dann zwar auch die Eltern mit im Spiel, aber Familie, so geht uns durch den Kopf, ist nicht nur friedlich und angenehm.

Andererseits erscheint uns solcher Unfrieden spontan unangemessener als der unter Fremden, da erwarten wir ich ihn geradezu. Hier liegt vermutlich eine erste Pointe: Gesellschaft als Inbegriff eines gerade nicht gemeinschaftlichen, nicht persönlichen, vertrauten Zusammenlebens, Gesellschaft als Inbegriff von anonymen Rollen, berechnenden Arbeits- oder Marktverhältnissen, als das, was sich nicht in der Familie abspielt, soll doch mit Geschwisterlichkeit vereinbar sein, ja möglicherweise in der Absicht derer, die mir dieses Thema gestellt haben, vereinbart werden. Ist das nicht ganz dysfunktional? Vermischen wir da nicht etwas, was vernünftigerweise auseinandergehalten wird? Können, ja wollen wir denn mit jedem unserer Kollegen auf Du und Du stehen? Werden dann unsere Berufsverhältnisse nicht in eine gefährliche "Tyrannei der Intimität" gezogen, die den Schutz der Distanz verwehrt und deshalb für heftigen, unter die Haut gehenden Streit viel anfälliger macht? Und muss es - als Ziel propagiert - nicht eine Phrase bleiben, dass wir mit Millionen Menschen in unserem Land, gar auf der ganzen Welt geschwisterliche Beziehungen aufbauen?
Welches Verständnis von Geschwisterlichkeit könnte solchen Einwänden standhalten? Vermutlich nur eines, das die gewöhnliche Erfahrung einer leiblichen Familie übersteigt. Sonst bestünden die genannten Gefahren der Übertragung familiären Streits auf die Gesellschaft und auf alle unsere beruflichen Beziehungen.

Fangen wir am anderen Ende an: Wer kennt nicht die Situation, in der wir uns unglaublich über Menschen geärgert haben, von ihnen hintergangen, ausgenutzt oder hereingelegt fühlen. Spontan entwickelt man gegen sie eine heftige Abneigung, die in Hass münden kann. Man versucht, sie zu umgehen, aus dem Spiel zu drängen, ja möglichst ganz auszuschalten. Das Prinzip der Reaktion auf solche Erfahrung lautet: Exklusion, Ausschluss des Gegners, nicht Inklusion, Einbezug. Was wir allerdings in den letzten Jahren bis in die globalen Beziehungen hinein zunehmend gelernt haben, ist, dass solcher Ausschluss nicht gelingt beziehungsweise dass er sich nach längerer Zeit rächt. Weil sich das keiner gefallen lassen will, weil wir - wie Geschwister - immer abhängiger voneinander werden und weil sich im Bewusstsein der modernen Menschen das Prinzip der Gleichheit als des gleichen Rechts auf ein würdiges, selbstbestimmtes Leben so weit durchgesetzt hat, dass niemand auf Dauer einen Ausschluss oder auch nur eine Degradierung akzeptiert. Wir säen also Rebellion und - wenn sie ohne Erfolg bleibt - ein gefährliches Potenzial an Unfrieden, wenn wir unserem Instinkt, Störer oder Gegner einfach auszuschalten, folgen.

Freilich kann dass nicht heißen, man möge ihnen gar nicht erst entgegentreten, sich beleidigender Verdächtigungen nicht erwehren. Die Frage ist, wie, mit welchem Ziel man dies tut. "Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde Du das Böse durch das Gute!" Diesen Paulus-Spruch hatte meine Mutter in unsere Diele gehängt. Ich fand ihn als Kind - bei allem Respekt für meine Mutter und deren nie nachlassenden Versuch, uns die christliche Ethik nahe zu bringen - reichlich weltfremd. Heute halte ich ihn im Zuge meiner Berufserfahrungen für ein ausgezeichnetes überdies sehr realistisches Management-Prinzip. Denn es widerspricht dem Instinkt, Gegner einfach auszuschließen und damit destruktive Parteiungen zu begünstigen, die sich bei der nächsten Gelegenheit einem konstruktiven Projekt schon deshalb in den Weg stellen werden, weil sie vorher ausgeschlossen waren.

Das Böse durch das Gute zu überwinden bedeutet also für mich eine Version von Geschwisterlichkeit. Wenn wir uns gerade in einem heftigen Konflikt daran erinnern, dass unser "mieser Gegner" auch ein Bruder oder eine Schwester in dem Sinne ist, dass die Person ein Kind Gottes, unsres gemeinsamen Vaters, ist, von ihm geschaffen, um wie wir selbst an Gottes Schöpfungswerk mitzuarbeiten, von ihm mit Gaben ausgestattet und zur Selbstbestimmung eingeladen und beauftragt, von ihm auch mit jenem göttlichen, vielleicht vorübergehend verschütteten Funken versehen, der immer die Chance auf eine Verständigung bietet. Jedenfalls dann, wenn wir uns unsererseits an die Regeln der Fairness, der Achtung und der Zuwendung in dem Sinne halten, dass wir ihm durch unser Verhalten ermöglichen, wieder zu einem Übereinkommen mit uns zu finden. Wenn uns das gelingt, dann sind unsere Chancen, einen potenziellen Partner zu gewinnen oder zumindest bei einem neuen Projekt keinen Gegenwind zu bekommen, erheblich größer.
Das christliche Verständnis von Geschwisterlichkeit, von dem diese Überlegungen getragen sind, geht mithin weit über die Erfahrung einer gewöhnlichen leiblichen Familie hinaus. Es baut im Glauben an Gott auf eine grundlegende und geradezu unentrinnbare Gemeinsamkeit aller Menschen, die uns nicht nur anhält, an ihrem Wohlergehen fürsorgend Anteil zu nehmen, sondern uns auch zum Wagnis ermutigt, auf den anderen immer wieder zuzugehen, Konflikte für lösbar oder zumindest entschärfbar zu halten, uns gemeinsam für ein geistig und materiell gelungenes Dasein zu engagieren. Zugleich versichert uns diese Zusammengehörigkeit in Enttäuschungen der Liebe des gemeinsamen Vaters.
Geschwisterlichkeit bedeutet darüber hinaus, dass wir untereinander gleichen Ranges sind. Unser prinzipielles Verhältnis zueinander ist das der Partnerschaftlichkeit, was funktionale Über- oder Unterordnung nicht ausschließt. Aber diese beschränkt sich eben auf den funktionalen Bereich (z.B. Anordnungsbefugnisse in einer Behörde oder einem Unternehmen) und darf die existenziell menschliche, etwa auch die menschenrechtliche Dimension nicht aufsaugen. Sie legt nahe, dass Menschen in ihrem Berufsfeld verantwortlich mitbestimmen. Partnerschaftlichkeit entspricht so zugleich modernen Managementtheorien, die sog. flache Hierarchien mit Verantwortungszuteilungen für jeweils definierte Bereiche befürworten. Aus dem Prinzip Geschwisterlichkeit folgen also ethische und institutionelle Leitlinien, die, wie gesagt sogar aktuellen Managementanweisungen entsprechen. Wozu brauchen wir dann noch zusätzlich die Metapher der Familie mit Geschwistern?
Sie bietet uns nicht nur gedanklich-intellektuelle Hinweise für ein richtiges individuelles bzw. soziales Verhalten, sondern verankert sie zudem in einem emotionalen Erfahrungsgrund, den sie allerdings übersteigt, so wie Jesus in seinen Gleichnissen von der täglichen Erfahrungswelt ausging und von dort existenziell-religiöse Lehren zog. Damit gewinnen die Hinweise ihren "Sitz im Leben", bieten Zugang nicht nur jenen, die gewohnt sind, in abstrakten Kategorien zu denken oder zu schlussfolgern, sondern auch denen, die Einsichten eher aus lebendigen Bildern gewinnen.

Aber es bleibt doch die Frage, ob wir eine so beschriebene Haltung der Geschwisterlichkeit gegenüber allen noch so fernen Mitmenschen realistischer Weise praktizieren können. Reicht unser Gefühlshaushalt dazu aus? Sicher nicht, wenn damit gemeint ist, für alle Menschen aktuell ein solidarisches Mitgefühl zu empfinden. Aber hier gibt es eine Analogie zum Gleichnis des Barmherzigen Samariters. Es geht nicht darum, alle uns fremden Menschen aktuell als Geschwister wahrzunehmen, sondern sie in der konkreten Situation der Begegnung so zu behandeln. Dabei kann Begegnung auch heißen, dass wir uns politisch vor der Entscheidung finden, zuungunsten der eigenen nationalen oder europäischen Landwirtschaft Subsidien oder Einfuhrzölle zu streichen, damit Landwirtschaften in der Dritten Welt auf dem Weltmarkt eine faire Chance erhalten. Eine solche Geschwisterlichkeit können wir praktizieren, dafür können wir politisch werben, dafür können wir öffentlich argumentieren.

Und hier macht es einen Unterschied, ob wir uns fernen Menschen in Afrika oder Asien geschwisterlich verbunden fühlen oder ob wir es für legitim halten, im Sinne eines abstrakt betriebswirtschaftlichen Denkens ausschließlich auf die Stärkung unserer eigenen Marktposition zu achten bzw. erst nachzugeben, wenn es gar nicht mehr anders geht. Rein innerweltlich gesehen bleibt als überzeugendes Argument für Solidarität nur der Appell an die wohlverstandenen d.h. langfristigen eigenen Interessen, die z. B. dem Übel einer Rebellion der Benachteiligten zuvorkommen sollten. Geschwisterlichkeit bewegt uns darüber hinaus dazu, auch ohne die Drohung eigener Verluste an das Wohl der anderen zu denken und auf diese Weise die zusätzlich bereichernde Chance für neue Gemeinsamkeiten zu gewinnen. Sie geht sogar über das hinaus, was Karl Jaspers in seinen berühmten Vorlesungen zur Schuldfrage aus den Jahren 1945/46 als "metaphysische Schuld" bezeichnet hat. Sie verbindet, so der Philosoph, alle Menschen in ihrem Wohlergehen unter einander, so dass sie einander Hilfe und Aufmerksamkeit schulden. Ohne solche "Schuld" brauchten wir uns (etwa in Hinblick auf den Nationalsozialismus) nicht darum zu kümmern, dass andere aus unserer Nachbarschaft abgeholt und verschleppt werden. Geschwisterlichkeit motiviert uns über Jaspers' metaphysische Schuld hinaus, aktiv am Wohl unserer Mitmenschen interessiert zu sein, für sie spontan sorgen zu wollen. Das führt mich zum zweiten Teil meines Themas: "dialogisch leben".

Eigentlich denkt man bei dem Wort Dialog an ein Zwiegespräch, in dem es um sehr persönliche Dinge geht. Erneut stehen wir wie beim Begriff der Geschwisterlichkeit vor der Frage, ob eine derart persönliche Aussprache zum Lebensprinzip verallgemeinert werden kann. Sollten wir mit jedem, den wir nach dem Weg fragen, in ein existenzielles Gespräch eintreten? Wie halten wir es mit Rollenanforderungen z.B. in der demokratischen Politik, in der zwei Parteiführer nicht einfach ihren persönlichen Vorlieben folgen können, sondern ihre spezifische Funktion und die Forderungen des gesamten politischen Systems im Auge behalten müssen? Das fordert sie z.B. auf, gegebenenfalls in einer Koalitionsregierung zusammenzuarbeiten und zugleich im Wettbewerb miteinander zu bleiben mit dem Blick auf die nächste Wahl. Was heißt in einem solchen Fall "dialogisch leben"? Im Kontext unserer bisherigen Überlegungen könnte dies - etwa in Anlehnung an Martin Buber - auf die ständige Erinnerung daran verweisen, dass wir des und der anderen bedürfen, um uns selbst besser zu erkennen, auch um die uns notwendige Anerkennung zu finden und zugleich unsere Grenzen zu erkannen, und dass wir uns deshalb in dieser gegenseitigen Bedürftigkeit ernst nehmen und respektieren sollen. Ein leichter Widerschein dieser philosophischen Überlegung findet sich sogar zuweilen im harten öffentlichen Getümmel der parteipolitischen Auseinandersetzung, wenn die "fortuna" des Machiavelli, die der Einsicht des großen Florentiners zufolge neben der "vertu" und der "necessitá" das Gelingen von Politik immer mitbestimmt, einer Partei gerade besonders übel mitspielt und die Kommentatoren, die zuvor mit dieser Partei nicht hart genug ins Gericht gehen konnten, sich plötzlich dessen erinnern, dass mehr auf dem Spiel steht als ein partikularer Untergang, wenn einer der notwendigen demokratischen Mitspieler außer Gefecht gesetzt ist.

Dialogisch leben kann also auch im öffentlichen Bereich Sinn machen, kann in Fortsetzung des Gedankens der Geschwisterlichkeit heißen, auch in der Härte der Auseinandersetzung partnerschaftlich und sachlich zu bleiben und persönliche Beleidigung und Häme zu vermeiden. Davon profitiert im Übrigen zumeist derjenige, der diese Maxime einhält, selbst. Denn er gewinnt über seine Parteianhänger hinaus das Vertrauen, das man einem Gerechten, der seine vorübergehende Überlegenheit nicht ausnutzt, entgegenbringt. Und um bei der Situation der demokratischen Auseinandersetzung zu bleiben: Würde die vielfach bedauerte Politikverdrossenheit nicht abnehmen, wenn die Protagonisten sich mit solcher Fairness, in einem sachlichen und gemeinwohlorientierten Dialog begegneten, anstatt sich gegenseitig heuchlerische Vorwürfe zu machen und sich mit persönlichen Angriffen auszutricksen? Freilich gilt auch hier das Diktum: "Der werfe den ersten Stein!" Denn politische Fairness wird unter aktiven Politikern nur in dem Maße Realität werden, wie die gesamte Gesellschaft eine Kultur der Fairness praktiziert und das Gegenteil in Wahlen sanktioniert. Es gab dafür in der letzten Zeit durchaus positive Beispiele.
Das Prinzip des Dialogs gilt natürlich nicht nur für die Politik, sondern auch für alle möglichen gesellschaftlichen Teilbereiche. Es verlangt von uns, neugierig auf das zu sein, was den anderen bewegt, es nicht immer schon vorab zu wissen und andere in fertige Schubladen zu stecken. Dazu ist es gut, wenn man sein eigenes Leben nicht in Abschnitte einteilt, die man z. T. selbst in Schubladen verschwinden lässt, weil man sich mit ihnen nicht mehr gerne konfrontiert. Dialogisch leben, heißt auch mit sich lebst im Dialog über die eigene Biographie zu bleiben und das andere in sich selbst, das möglicherweise Sperrige oder fremd Gewordene nicht auszuschließen. Je mehr wir mit dem Schwierigem in uns selbst umzugehen verstehen, desto offener werden wir auch gegenüber anderen, die uns nicht auf Anhieb zusagen. In einer Welt, in der wir einander international und interkulturell von einander abhängig geworden sind, ist solche Offenheit für ein friedliches Überleben unverzichtbar.

Hier schließt sich der Kreis: Offenheit fällt uns leichter, wenn wir vorab die Hoffnung hegen, dass wir im Tiefsten miteinander verbunden sind und uns deshalb verständigen können. Gegründet ist diese Hoffnung in einem Glauben an eine Gemeinsamkeit auch wider alle innerweltlich empirische Erfahrung. Albert Camus hat sie heroisch wider alle Religion im Gedanken der gemeinsamen Revolte gegen die Absurdität des Schicksals zu entdecken geglaubt und sich seinen Sisyphos, der den Stein immer wieder vergeblich bergan rollt, als glücklichen Menschen vorgestellt. Meine Vorstellung vom Glück neigt eher zum Glauben an einen liebenden Gott, der uns den Sinn im scheinbar Absurden eines Tages zu erkennen geben wird.
Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen Deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer Deiner Liebe!

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