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Völkerfamilie Europa

Am 25. März dieses Jahres jährten sich zum 60. Mal die Römischen Verträge, durch die eine erste Völkergemeinschaft besiegelt wurde. Robert Schuman hatte bereits am 7. Mai 1950 Konrad Adenauer eine Zusammenlegung der deutschen und französischen Kohle- und Stahlproduktion vorgeschlagen, die künftig jeden Krieg zwischen Frankreich, Deutschland und allen anderen Nationen, die sich diesem Plan anschließen würden, vereiteln sollte. Ein mehr als ungewöhnlicher Vorschlag, um Völker zu versöhnen, die gerade den bis heute schrecklichsten Krieg der Geschichte erlebt hatten.

Europa war zerstört, es trauerte um mehr als 35 Millionen Tote. Zu den materiellen Trümmern gesellten sich jene der sozialen, politischen und moralischen Zerstörung. Es existierte ohne Gesetze, ohne öffentliche Ordnung, ohne Dienstleistungen in jenen Tagen wäre es schon sehr viel gewesen, nur über die Grenzen und die Einhaltung der Friedensverträge zu wachen. Wie konnte man nur auf die Idee kommen, die Verwundungen so nachhaltig zu heilen, dass aus befeindeten Nationen ein europäisches Volk zusammenwachsen konnte? Wer inspirierte Schumann, Adenauer, De Gasperi und andere dazu?

Stellen wir uns einmal vor, Gott hätte diese Ideen für Europa eingegeben. Gott, der seine Liebe zu den Menschen unter Beweis gestellt hatte durch einen grauenvollen und entwürdigenden Tod, durch den er sich mit allem Leid der Menschheit identifiziert hatte, eingeschlossen alles Leid, das aus Gewalt und Krieg hervorging. Gott, dem es auch heute gelingen kann, die Versöhnung der Völker voranzubringen, damit sie sich zu einer einzigen weltweiten Familie zusammentun. Die Gründerväter Europas haben diese Erfahrung gemacht. Sie haben sich nicht erdrücken lassen von der Sinnlosigkeit des Bösen, der Unmenschlichkeit der Diktaturen, der Schoah

Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolar-Bewegung, sagte über eine Kultur, die einer tiefen Versöhnung entspringt: "jeder Mensch kann seinen ureigenen Beitrag geben auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Kunst, der Politik, der Kommunikation usw. Dabei wird seine Effizienz in dem Maß steigen, in dem er mit anderen zusammenarbeitet im Namen Christi. Die Menschwerdung setzt sich dadurch fort, die vollständige Inkarnation, die alle Glieder am Mystischen Leib Christi betrifft. So entsteht und verbreitet sich eine Kultur der Auferstehung': die Kultur des Auferstandenen, des neuen' Menschen und in Ihm der neuen Menschheit."

Und wenn das bisher sozusagen das Abenteuer der Gründerväter Europas gewesen ist, so können - oder besser gesagt müssen - wir heute ihr Werk fortsetzen. Alle sind dazu berufen. Die Einheit der europäischen Völker ist zeitgleich ein erzieherischer Prozess, ein kultureller, geistlicher, politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kommunikativer Prozess.

Und hier ergeben sich neue Entwicklungen: vor allem ist von uns Christen nicht nur Versöhnung gefordert, sondern wir müssen zu Weggenossen werden bei einer gemeinsamen Verkündigung. Die jüngsten historischen Ereignisse bezeugen die Fortsetzung dieses Weges: Lund (Schweden), Lesbos (Griechenland), Kuba. Jeder von uns hat die Aufgabe beizutragen zu diesen Schritten auf die volle, sichtbare Einheit der Christen hin, im Wissen um die große Bedeutung dieser Einheit für die europäische Einigung und für den Dienst an der Menschheit insgesamt.

Wenn wir dann unseren Blick auf den gesamten europäischen Kontinent richten - vom Atlantik zum Ural - dann werden wir uns seiner ganzen Wertefülle bewusst, die wir gegenseitig anerkennen und wertschätzen müssen, um effizient zusammenarbeiten zu können zwischen Nord und Süd, Ost und West. Die vielen Kriege, die Diktaturen, die Ungerechtigkeiten haben tiefe Wunden hinterlassen, die es noch endgültig zu heilen gilt. Um wirklich Baumeister der europäischen Einheit zu sein, müssen wir einsehen, dass alles, was wir heute sind, die Frucht aller Länder ist und dass wir das zukünftige europäische Schicksal gemeinsam in die Hand nehmen müssen, denn es betrifft uns alle. Ein wichtiger Schritt zum Frieden wäre z.B. die Vertiefung der Beziehungen der europäischen Union zu den Ländern außerhalb der Union, wie etwa zu den Ländern des Nahen Ostens. Für Europa ist es auch sehr wichtig, die Bürger mit einzubeziehen, damit sie aktive Bürger unserer Städte werden, aber auch aktive europäische Bürger.

Mit anderen Worten heißt das, die Demokratie neu zu beleben, die in Europa entstanden ist, aber heute eine neue Dimension bekommen muss, die intensiver, effektiver und diesem Jahrhundert stärker angepasst sein muss.

Maria Voce im Saal mit den Zuhörern

Und weiter: in einem multikulturellen und multireligiösen europäischen Kontext braucht es eine neue Dialogfähigkeit. Der Dialog könnte sich auf die Goldene Regel stützen, die besagt: "Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen" (vgl. Lk 6,31). Alle großen Religionen dieser Erde kennen diese Regel, und auch Menschen ohne Religionszugehörigkeit erkennen sie als sinnvoll an. Dann müsste man auf institutioneller Ebene den Wahlspruch der Europäischen Union neu überdenken und anwenden: Einheit in Vielfalt. Das könnte auch ein Geschenk für Völker anderer Kontinente sein, die sich auf dem Weg zur Vereinigung befinden.

In der europäischen Vision der Gründerväter war Europa nie in sich selbst geschlossen und isoliert, sondern immer offen für die ganze Menschheitsfamilie. Es ist wichtig, das gerade hier in Malta zu betonen, dem europäischen Staat ganz im Süden des Kontinents. Durch seine Ernährung, seine Sprache und vor allem durch seine Berufung gehört er zur Landschaft des Mittelmeeres, das vom entsetzlichen blauen Grab wieder zum Mare nostrum' werden muss für Europa, Afrika und den Nahen Osten. Die zahlreichen internationalen Krisen machen mehr als deutlich, wie lang dieser Weg tatsächlich sein wird.

Chiara Lubich sagte dazu: "Es braucht ein geduldiges Arbeiten, es braucht Weisheit, vor allem aber darf man nie vergessen, dass es Jemanden gibt, der die Geschichte verfolgt und der - durch die Mitarbeit aller Menschen guten Willens - Seine Pläne der Liebe über unseren Kontinent und unseren ganzen Planeten verwirklichen möchte."

Abschließend können wir sagen, dass ein derart hohes Ziel unseren ganzen Einsatz verdient. Auch dieses Forum hat dazu beigetragen, die Völkerfamilie Europa auf die Beine zu stellen, die - nach Auffassung von Papst Franzskus - dazu fähig ist, einen neuen Humanismus in die Welt zu bringen, dem drei Qualitäten innewohnen: die Fähigkeit zu integrieren, die Fähigkeit Dialog zu führen und die Fähigkeit, etwas Neues zu schaffen'."

Maria Voce,
Malta, St John's Cathedral, 7. Mai 2017
Quelle: focolare.org

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